NACHWORT
Fabian Heitzhausen
„Alle Städte aber sind Ideen. Sie erschaffen sich selbst, und die Welt
nimmt sie nach Belieben wahr oder ignoriert sie.“ - Jonathan Franzen
Was aber, wenn der Raum, den der Begriff „Zwischenstadt“ (1) umschreibt,
keiner Idee folgt? Sondern sich aus voneinander unabhängigen Einzel-
entscheidungen zu einem System der „Nicht - Verbundenheit“ (2) konstituiert
und sich außer der „Logik einer ökonomischen Standortpolitik“ (3) nichts
feststellen lässt? Oder die Zwischenstadt als ein heterogenes Gebilde als
Be-
trachtungsgegenstand erst gar nicht in Frage kommt, weil der Zugang zu
dieser Stadtform nur über ein Netz von Verkehrsinfrastrukturen möglich ist?
Sich der Raum daraus folgend aus Bewegungsformen und Geschwindig-
keiten definiert und nur die „Erfahrung des Fahrens“ (4), nicht aber die des
Ortes bleibt?
Frederike Wetzels macht die Zwischenstadt und die ihr spezifische Anästhetik (5)
zum Thema ihres fotografischen Blicks. Für ihre Annäherung an diese neue
Form zivilisatorisch geprägter Landschaft benutzt sie unterschiedliche Bildsprachen,
die sich innerhalb ihrer Arbeit zu einem heterogenen Bilderkomplex verweben.
Das Buch wird durch vollformatige schwarzweiße Fotografien umrahmt. Die
darauf abgebildeten nächtlichen Straßenszenen werden durch starke
Unter-
belichtung zu mächtigen schwarzen Flächen, die nur vereinzelt durch Streifen
und Lichtflecke unterbrochen werden. Straßenlaternen, Autoscheinwerfer
und
angestrahlte Schilder, die keinen Bezug mehr zueinander zu haben scheinen,
wirken wie Fragmente einer geometrischen Welt. Nur der Betrachter vermag
es den Hauch an Information zu verbinden. Das eigentlich Indexikalische
des
Lichtscheins ist so auf Form reduziert, dass eine Entschlüsselung der Bildwelt
nur durch die räumliche Anordnung der Lichter auf dem Blatt und ein extrem
konventionalisierter Blick Abbilder entstehen lassen. Die Bilder beschreiben
demnach eine Welt, die aus nichts zu bestehen scheint, außer dem uns ubiquitär
umgebenden Transitraum Straße und dem Blick selbst. Erst angezogen
von
den klaren geometrischen Formen und dann auf die eigene kontextualisierte
Wahrnehmung zurückgeworfen, findet sich der Betrachter in einer Darstellung,
die die Frage aufwirft, wo das Hier eigentlich ist und wie es in Erscheinung tritt.
Die erste Landschaftsdarstellung blendet. Nicht nur der starke Helligkeits-
unterschied der 32,3 x 26 cm großen Bilder im Vergleich zu den schwarzen
Flächen, sondern auch die hohe Informationsdichte und präzise Schärfe
fallen auf. Plötzlich dieser Überblick, ist der erste Eindruck. Doch je weiter
man blättert, desto deutlicher wird, dass die Frage nach dem spezifischen
Hier unbeantwortet bleibt. Es entsteht das Gefühl, jede dieser Fotografien
könnte an vielen möglichen Orten aufgenommen sein und gleichzeitig aber
ist das jeweilig Abgebildete Mittelpunkt eines bewussten Interesses. Weder
Standpunkt, Blickwinkel noch Motivwahl sind beliebig. Frederike Wetzels
Fotografien bewegen sich in diesem kontradiktorischen Spannungsfeld zwischen
Achtsamkeit und einer Austauschbarkeit, die aus dem Wesen der Zwischenstadt
abgeleitet ist. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich auf eine alltägliche Umgebung,
ohne in ihr das Ungewöhnliche oder das Aufregende zu forcieren. Mit einer
pointierten Ästhetik des Unscheinbaren eröffnet sie dem Betrachter eine Bildwelt,
die sowohl die Besonderheiten als auch die Gleichheiten der Zwischenstadt
fassen kann. In ihren sorgfältigen und zurückhaltenden Bildern findet das Komplexe,
das Heterogene sowie das Eintönige dieser Landschaft einen Platz.
Neubausiedlungen zwischen den Lärmschutzwällen einer Autobahn und der
offenen Landschaft, Konzernzentralen umgeben von Brachflächen ehemaliger
Industrieareale, Regenrückhaltebecken und Bauerwartungsland, Acker am
Rande eines Gewerbegebietes, Wohnanlagen des sozialen Wohnungsbaus
inmitten eines Moores. Ein Nebeneinander unterschiedlichster Elemente ohne
sichtbaren Bezug zueinander. Einzig Strommasten, Straßen und Wege, Parkplätze
und Autos treten als verbindende Bildgegenstände regelmäßig auf und
spielen als Infrastrukturen nicht nur in der Wahrnehmung, sondern auch in
ihren Funktionen eine wichtige Rolle im zwischenstädtischen Raum. Denn „der
Raum wird in und auf ihnen, über sie „erfahren“ und konstituiert als Raum aus
überlagerten Netzen. In diesen Netzen fungieren einzelne Orte als anziehende
und konzentrierte Knotenpunkte, als Ziele, die die Bewegung zum vorläufigen
Stillstand bringen.“ (6)
Dieses rhizomatische Denken findet sich auch in der
Herangehensweise wieder, mit der Frederike Wetzels die unterschiedlichen
monospezialisierten Zentren zeigt, die nicht nur die Zwischenlandschaft als
Knotenpunkte aufspannen, sondern sich auch in Gestalt einer übergeordneten
Netzstruktur über das Buch verteilen. Immer wieder tauchen kleine grell - bunte,
stark schemenhafte Bilder auf, die sich beim genauen Betrachten als anonyme
Orte des Konsums identifizieren lassen. Leuchtende Supermärkte, Empfangshallen,
Kantinen und Einkaufszentren, die trotz ihrer extrem vereinfachten Darstellung
ein Gefühl von Wiedererkennen entstehen lassen. In ihrer starken Farbigkeit
bestechen und überfordern sie zugleich. Sie versetzten den Betrachter in eine
Wahrnehmung, die nicht in der Lage ist, zwischen Informationsfülle und
Detail-
menge zu unterscheiden. Die architektonischen Elemente der Innenräume werden
durch die Handykamera, die Frederike Wetzels benutzt, um diese „Orte des
Ortlosen“ (7) zu erfassen, zu einfachsten quadratischen Flächen und Farben.
Menschen werden zu diffusen identitätslosen Körpern und jede Interaktion
zwischen dem Subjekt und seiner Umwelt scheint unmöglich.
Frederike Wetzels Bildgegenstand ist die Zwischenstadt, deren differentia
specifica zu anderen Landschafts- oder Stadtformen ist, sich einem
Be-
trachtungsmuster zu verweigern. Im Gegensatz zum urbanen Stadtkern oder
der idyllisch gezeichneten Kulturlandschaft gibt es von der Zwischenstadt
keine explizite Vorstellung. Sie steht damit vor dem vermeintlichen Paradoxon
etwas abzubilden, das sich dadurch auszeichnet, dass es kein homogenes
Bild abgibt. Ein visuelles Erfassen der Zwischenstadt wird durch die
spezielle
Anästhetik dieses Raumes erschwert, die als „Kehrseite der Ästhetik“jenen
Zustand beschreibt, „wo die Elementarbindung des Ästhetischen –
die Em-
pfindungsfähigkeit – aufgehoben ist.“ Anästhetik problematisiert „die
Empfindungslosigkeit – im Sinn eines Verlusts, einer Unterbindung oder
der Unmöglichkeit von Sensibilität, und auch dies auf allen Niveaus: von der
physischen Stumpfheit bis zur geistigen Blindheit.“ (8) Dieser Schwierigkeit
entgegnet Frederike Wetzels auf konzeptuelle und visuelle Weise. Einerseits
konzeptuell durch ihren ungewöhnlichen Bilderkomplex, der durch die
ver-
schiedenen Bildsprachen den Betrachter dazu auffordert, die eigene Wahr-
nehmung zu reflektieren und gleichzeitig dabei ein aufmerksames Sehen
der neuartigen menschengemachten Landschaft ermöglicht. Auf diese Art und
Weise wird das Verhältnis von Zwischenstadt und der in ihr stattfindenden
Wahrnehmung beziehungsweise ihre Unsichtbarkeit thematisiert. Andererseits
überwindet sie das Problem der Nicht - Wahrnehmung jener Räume visuell
durch ihre sensiblen Bildkompositionen, die nicht nur das schwer Erfassbare –
als Darstellung eines abstrakten ästhetischen Problems – sichtbar machen,
sondern das verhandeln, was an diesen Orten aufzufinden ist. Ihr differenzierter
und distanzierter Blick nimmt dabei jeden Aspekt des Vorgefundenen wahr.
Ein weiterer Aspekt, den die Arbeit von Frederike Wetzels aufgreift, betrifft die
Zwischenstadt als Agglomeration im Spannungsfeld von globaler wirtschaftlicher
Verflechtung und der direkten lokalen Manifestation in eben dieser
Landschaft,
die im Zusammenhang neoklassischer Theorien gedeutet wird,„in deren Model-
annahmen der Raum einen neutralen Behälter darstellt und allenfalls als Hindernis
bei der Raumüberwindung wahrgenommen wird, so wurde weitestgehend staatliche
Abstinenz hinsichtlich einer Korrektur der räumlichen Entwicklung verlangt, weil
sich eine optimale Verteilung der Produktionsfaktoren als Ergebnis der Markt-
prozesse von selbst ergebe.“ (9) Mensch und Ort sind unter diesen Voraussetzungen
nur Faktoren einer sozioökonomischen Rechnung, die es nicht schafft, der
Zwischen-
stadt als Lebensraum, Ort der Kultur und sozialer wie individueller Beziehungen
gerecht zu werden. Ortsspezifische Geschichte, individuelle Bedürfnisse und ihre
wechselseitigen Verknüpfungen finden keinen Platz innerhalb dieser Theorien.
Die Fotografien von Frederike Wetzels und der in den Bildern vereinzelt auftauchende
Mensch bilden dadurch einen Kontrapunkt, dass die Orte immer wieder als
von
Menschen benutzt gezeigt werden. Eine der Fotografien zeigt beispielsweise eine
Person, die mit dem Rücken zum Betrachter auf einer Brücke einer Grünanlage
zwischen neuerbauten Siedlungsfeldern steht und in die Ferne blickt. In Anlehnung
an die Landschaftsgemälde von Caspar David Friedrich zeugt die Person von einer
Entfremdung und Distanz zur Landschaft und vermittelt zwischen Bildwelt und
Betrachter. Durch die Rolle des Beobachters, Nutzers und Bewohners dieser
Landschaften wird die Voraussetzung für ein Denken gebildet, das die Zwischen-
stadt auch als Lebensraum erfasst.
Frederike Wetzels zeigt in ihrem Buch „Zwischenstadt“ eine neue Art
menschen-
geformter Landschaft auf eindringlichste Weise. Ihr fotografischer Blick schafft es
jedem Aspekt der Zwischenstadt aufmerksam und sensibel zu begegnen,
ohne
dabei den sozialen und global - ökonomischen Zusammenhang aus den Augen
zu verlieren. In dem Spannungsfeld zwischen dokumentarischer Abbildung und
konzeptueller Vorgehensweise entsteht ein Bilderkomplex, der die Wahrnehmung
im Bezug auf diese übersehene Landschaft schärft und zugleich eine notwendige
Position zur Zwischenstadt bezieht.
(1) Sieverts, Thomas: Zwischenstadt. Zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit,
Stadt und Land. Birkhäuser Verlag, Basel 2008, S. 7
(2) van de Camp, Gert;
Dekker, André; Reutlingsperger, Ruud: Stillstand, was
bedeutet das für den
homo mobilis? In: Kornhardt, Dieter; Pütz, Gabrielle;
Schröder, Thies (Hrsg.):
Stadt schafft Landschaft. Junius, Hamburg 2002, S. 150
(3) Prigge, Walter:
Vier Fragen zur Auflösung der Städte. In: Prigge, Walter (Hrsg.):
Peripherie
ist überall. Campus Verlag, Frankfurt am Main, New York 1998, S. 7
(4)
Hauser, Susanne: Anästhesie und Lesbarkeit. In: Bölling, Lars; Sieverts,
Thomas:
Mitten am Rand - Auf dem Weg von der Vorstadt über die
Zwischenstadt zur
regionalen Stadtlandschaft. Verlag Müller + Busmann
KG, Wuppertal 2004, S. 206
(5) ebd.
(6) Hauser, Susanne: Anästhesie
und Lesbarkeit. In: Bölling, Lars; Sieverts, Thomas:
Mitten am Rand - Auf
dem Weg von der Vorstadt über die Zwischenstadt zur
regionalen Stadt-
landschaft. Verlag Müller +Busmann KG, Wuppertal 2004, S. 206
(7)
Augé, Marc: Nicht-Orte. Becksche Reihe. Beck Verlag, München 2010,
S. 146
(8) Welsch, Wolfgang: Ästhetisches Denken. Philipp Reclam jun.
GmbH & Co.,
Stuttgart 1990, S. 10
(9) Häussermann, Hartmut: Ökonomie
und Politik in alten Industrieregionen Europas.
Probleme der Stadt- und
Regionalentwicklung in Deutschland, Frankreich, Groß-
britannien und
Italien. Birkhäuser Verlag, Basel 1992, S. 11